Die Salsa hat keine Erfinderin und keinen Erfinder — aber sie hat Menschen, ohne die sie anders klingen würde. Zwanzig Objektschilder aus vier Generationen.
Zu den Bildern
Fotografien dieser Musikerinnen, Musiker und Tänzer sind fast durchgehend urheberrechtlich geschützt. Deshalb zeigt das Museum eigenständige, plakative Comic-Interpretationen statt kopierter Fotos. Sie sind bewusst keine exakten Abbilder; Instrumente und typische Silhouetten dienen als Erkennungsmerkmale. Mehr zur Bildpolitik dieses Museums.
Vitrine 1
Die Wegbereiter
Musiker, die vor dem Wort «Salsa» das Material geschaffen haben, aus dem sie besteht.
Arsenio Rodríguez
Tres, Bandleader, Komponist
«El Ciego Maravilloso». Seit dem siebten Lebensjahr blind, baute er um 1939/40 das Son-Ensemble zum conjunto um: Klavier, mehrere Trompeten, Conga als feste Stimme. Er entwickelte den son montuno und treibende Instrumentalteile, die dem Mambo vorausgingen — Rodríguez selbst hielt sich für dessen eigentlichen Erfinder. Rund 200 Kompositionen.
Lebensdaten
1911–1970
Herkunft
Kuba, ab 1952 New York
Bedeutung
Die Besetzung, die Salsa bis heute benutzt
Machito & Mario Bauzá
Bandleader / Musikalischer Direktor
Frank «Machito» Grillo und sein Schwager Mario Bauzá gründeten mit den Afro-Cubans die Formation, aus der der Afro-Cuban Jazz hervorging: kubanische Rhythmusgruppe, amerikanische Big-Band-Bläser. Ihre Aufnahme «Tanga» gilt als erstes Stück des Genres. Sie waren eine der «grossen Drei» im Palladium.
Wirkungszeit
ab 1940, New York
Herkunft
Kuba
Bedeutung
Verbindung von Jazz und kubanischer Rhythmik
Tito Puente
Timbales, Vibraphon, Bandleader
«El Rey del Timbal» — der König der Timbales. Stellte das Schlagwerk vom hinteren Bühnenrand nach vorne und machte den Perkussionisten zur Hauptfigur. Über 100 Alben. «Oye Como Va» wurde durch Santanas Fassung zum Welthit; «Ran Kan Kan» gehört zum Kanon. Brücke vom Mambo über die Salsa zum Latin Jazz.
Lebensdaten
1923–2000
Herkunft
Spanish Harlem, New York
Bedeutung
Palladium-Ära bis Latin Jazz, über 50 Jahre
Tito Rodríguez
Sänger, Bandleader
Der dritte im Bunde der «grossen Drei» des Palladium und der grosse Rivale Tito Puentes. Puerto-ricanischer Herkunft, bekannt für einen eleganten, tänzerisch präzisen Mambo und später für seine Boleros — ein Sänger, dem die Phrasierung wichtiger war als die Lautstärke.
Lebensdaten
1923–1973
Herkunft
Puerto Rico / New York
Bedeutung
Mambo und Bolero auf höchstem Niveau
Rafael Cortijo & Ismael Rivera
Perkussion / Gesang
Mit Cortijo y su Combo holten sie ab 1954 die afro-puerto-ricanischen Traditionen Bomba und Plena aus der Folklore in die populäre Musik — und stellten damit eine schwarze Band ins puerto-ricanische Fernsehen. Rivera, genannt «Maelo», gilt als El Sonero Mayor, der grösste Improvisator seiner Generation.
Lebensdaten
Cortijo 1928–1982 · Rivera 1931–1987
Herkunft
Puerto Rico
Bedeutung
Bomba und Plena als Salsa-Nährboden
Enrique Jorrín
Geige, Komposition
Schuf Anfang der 1950er-Jahre mit der Orquesta América den cha-cha-chá: eine bewusst vereinfachte, weniger synkopierte Fassung des Danzón-Mambo, damit auch ungeübte Paare den Takt fanden. Der Name kommt vom Geräusch der Schuhe auf dem Parkett — eine der wenigen Genrebezeichnungen, deren Herkunft unstrittig ist.
Wirkungszeit
1950er-Jahre
Herkunft
Kuba
Bedeutung
Der weltweite Cha-Cha-Chá-Boom
Vitrine 2
Die Fania-Generation
New York, 1964 bis Ende der Siebziger. Die Jahre, in denen aus einer Szene ein Genre mit Namen wurde.
Johnny Pacheco
Flöte, Bandleader, Labelgründer
Gründete 1964 mit dem Anwalt Jerry Masucci das Label Fania und verkaufte die ersten Platten aus dem Kofferraum. Als künstlerischer Leiter formte er den Klang des Hauses, stellte 1968 die Fania All-Stars zusammen und nahm mit Celia Cruz eine Reihe von Alben auf. Ihm wird meist zugeschrieben, den Begriff «Salsa» durchgesetzt zu haben.
Lebensdaten
1935–2021
Herkunft
Dominikanische Republik / New York
Bedeutung
Der Architekt des Fania-Katalogs
Celia Cruz
Gesang
«La Reina de la Salsa», die Königin. Begann bei der kubanischen Sonora Matancera, verliess Kuba 1960 und kehrte nie zurück. Bei Fania wurde sie zur bekanntesten Stimme des Genres — «Quimbara», später «La Vida Es Un Carnaval». Ihr Ruf «¡Azúcar!» — Zucker! — ist bis heute das meistzitierte Wort der Salsa.
Lebensdaten
1925–2003
Herkunft
Havanna / New York
Bedeutung
Die prägende weibliche Stimme der Salsa
Willie Colón
Posaune, Bandleader, Produzent
Nuyorikaner, mit 17 bei Fania unter Vertrag. Sein rauer, posaunengeführter Klang und das bewusst inszenierte Gangster-Image («El Malo») prägten die Salsa dura. Zwei Partnerschaften machten Geschichte: zuerst mit dem Sänger Héctor Lavoe, danach mit Rubén Blades — aus der zweiten ging 1978 Siembra hervor.
Geboren
1950, New York
Instrument
Posaune — der Kern des New Yorker Klangs
Bedeutung
Salsa dura und Siembra
Héctor Lavoe
Gesang
«El Cantante de los Cantantes» — der Sänger der Sänger. Die Stimme der Colón-Band und die tragischste Figur der Salsa: eine unvergleichliche Phrasierung und ein Gespür für den improvisierten soneo, dazu ein Leben, das an Sucht und Verlusten zerbrach. «El Cantante» und «Periódico de Ayer» gehören zum Kern des Repertoires.
Lebensdaten
1946–1993
Herkunft
Ponce, Puerto Rico / New York
Bedeutung
Massstab für jeden sonero danach
Rubén Blades
Gesang, Text, Komposition
Der Panamaer brachte in die Salsa, was ihr bis dahin fehlte: erzählende, politisch wache Texte. «Pedro Navaja» ist eine Kurzgeschichte in Liedform, «Plástico» eine Gesellschaftskritik. Sein Album Siembra mit Willie Colón (1978) verkaufte sich über drei Millionen Mal — das meistverkaufte Salsa-Album überhaupt. Später Jurist, Filmschauspieler und panamaischer Tourismusminister.
Geboren
1948, Panama-Stadt
Beiname
«Der Texter der Texter»
Bedeutung
Begründer der salsa consciente
Eddie Palmieri
Klavier, Bandleader
Der harmonisch kühnste Kopf der Salsa. Mit seiner Band La Perfecta ersetzte er die üblichen Trompeten durch zwei Posaunen und eine Flöte — ein Klang, den man damals «Trombanga» nannte. Sein Klavierspiel holt Dissonanzen aus dem Jazz in den Montuno. «Azúcar Pa' Ti» dauert acht Minuten und ist trotzdem ein Tanzstück.
Geboren
1936, Spanish Harlem
Band
La Perfecta (ab 1961)
Bedeutung
Jazzharmonik im Tanzorchester
Ray Barretto
Congas, Bandleader
«Manos Duras» — harte Hände. Kam vom Jazz, spielte als Studiomusiker auf hunderten Aufnahmen und wurde bei Fania zu einem der wichtigsten Bandleader. Sein Album Indestructible steht für die Verbindung von Barrio-Härte und musikalischer Präzision.
Lebensdaten
1929–2006
Herkunft
New York
Bedeutung
Brücke zwischen Jazz und Salsa
El Gran Combo & La Sonora Ponceña
Orchester, Puerto Rico
Zwei Institutionen, die zeigen, dass die Salsa nicht nur in New York stattfand. El Gran Combo de Puerto Rico heisst nicht umsonst «die Universität der Salsa» — durch die Band ging halb Puerto Rico. Die Sonora Ponceña unter dem Pianisten Papo Lucca setzte mit ihrem Trompetensatz einen eigenen, glasklaren Massstab.
Gegründet
1962 bzw. 1954
Herkunft
Puerto Rico
Bedeutung
Durchgehende Spielpraxis über Jahrzehnte
Vitrine 3
Nach Fania
Die Salsa verliess New York — und Kuba ging einen ganz eigenen Weg.
Oscar D'León
Gesang, Kontrabass
Der «Sonero del Mundo» aus Venezuela — bekannt dafür, den Kontrabass beim Singen über der Bühne herumzuwirbeln. Er machte Venezuela in den späten Siebzigern und Achtzigern zu einem eigenständigen Zentrum der Salsa und wurde als einer der wenigen nicht-kubanischen Interpreten in Kuba selbst gefeiert.
Geboren
1943, Caracas
Herkunft
Venezuela
Bedeutung
Salsa als südamerikanische Massenkultur
Joe Arroyo & Grupo Niche
Kolumbien
Joe Arroyo mischte Salsa mit karibisch-kolumbianischen Rhythmen zu einem Stil, den er selbst «joesón» nannte; sein «La Rebelión» erzählt von der Sklaverei in Cartagena. Grupo Niche, gegründet von Jairo Varela, prägte den Klang von Cali — der Stadt, die sich «Welthauptstadt der Salsa» nennt.
Wirkungszeit
ab den späten 1970er-Jahren
Herkunft
Kolumbien
Bedeutung
Eigenständiger kolumbianischer Salsa-Kanon
Los Van Van & NG La Banda
Songo und Timba, Kuba
Der Bassist Juan Formell gründete 1969 Los Van Van und entwickelte mit dem Perkussionisten «Changuito» den songo. Zwei Jahrzehnte später gründete der Flötist José Luis Cortés («El Tosco») NG La Banda; ihr Album En la calle (1989) definierte die timba — Cortés prägte auch den Begriff. Kuba antwortete damit auf die Salsa, ohne sie zu kopieren.
Gegründet
1969 bzw. 1988
Herkunft
Havanna
Bedeutung
Der kubanische Gegenentwurf zur Salsa
Die Salsa romántica
Louie Ramírez, Frankie Ruiz, Gilberto Santa Rosa
Der Produzent Louie Ramírez begann 1982 mit Noche Caliente, spanischsprachige Pop-Balladen in Salsa-Arrangements zu übersetzen. Frankie Ruiz und Eddie Santiago machten daraus einen Massenerfolg, Gilberto Santa Rosa — «el caballero de la salsa» — verband ihn wieder mit handwerklicher Strenge. Kommerziell die erfolgreichste Phase, künstlerisch die umstrittenste.
Zeitraum
ab 1982
Herkunft
Puerto Rico / New York
Bedeutung
Salsa im Radio-Mainstream
Marc Anthony
Gesang
Der kommerziell erfolgreichste Salsa-Interpret überhaupt. Nuyorikaner, kam über den Freestyle- und Pop-Bereich zur Salsa und wurde zur Figur, über die viele ausserhalb der Karibik das Genre überhaupt erst kennenlernten — mit Stücken wie «Vivir Mi Vida» und «Valió la Pena».
Geboren
1968, New York
Herkunft
Puerto-ricanische Familie
Bedeutung
Salsa im globalen Pop
Vitrine 4
Die Tanzpioniere
Ohne sie gäbe es die Salsa als Musik — aber nicht als weltweit unterrichtete Tanzsprache.
Eddie Torres
Tänzer, Choreograf, Lehrer
«The Mambo King». Der Nuyorikaner arbeitete zwei Jahrzehnte mit Tito Puente, gründete 1987 die Eddie Torres Dancers und schuf als Erster ein systematisches Unterrichtsprogramm für den New Yorker Mambo — den heutigen On2. Sein zentraler Gedanke: Der Bruchschritt gehört auf die Zwei, weil dort der Schlag der Conga sitzt.
Geboren
3. Juli 1950, New York
Wirken
Lehrsystem ab ca. 1972, Videos ab den 1990ern
Bedeutung
Machte On2 lehrbar und damit weltweit verbreitbar
Die Brüder Vazquez
Francisco, Luis und Johnny Vazquez
Ihnen wird die Entwicklung und Verbreitung des LA-Style On1 zugeschrieben. Sie brachten Elemente aus Stepptanz und Bühnenshow ein: schnelle Drehungen, Hebefiguren, Dips. Luis gründete mit Salsa Brava die erste Tanzcompagnie dieser Art in Los Angeles. Der Stil wurde zum meistunterrichteten der Welt.
Wirkungszeit
1990er-Jahre
Herkunft
Los Angeles, mexikanische Familie
Bedeutung
Salsa als Bühnen- und Wettkampfform
Albert Torres & Eli Irizarry
Veranstalter
Der puerto-ricanische Journalist Eli Irizarry organisierte 1997 den weltweit ersten Salsa-Kongress. Der Veranstalter Albert Torres brachte das Format 1999 in die USA und schuf 2005 die Weltmeisterschaften, die sogar im Sportfernsehen liefen. Ohne diese beiden gäbe es das globale Festivalnetz nicht, das die Salsa heute trägt.
Lebensdaten
Albert Torres 1956–2017
Erster Kongress
Puerto Rico 1997: 375 Teilnehmende, 19 Länder
Bedeutung
Aus Szenen wurde ein weltweiter Kreislauf
Die Tänzer des Palladium
«Cuban Pete», Augie & Margo, die Mambo Aces
Vor jedem Lehrplan gab es die Tanzfläche. Pedro Aguilar, genannt «Cuban Pete», Augie und Margo Rodríguez und die Mambo Aces prägten in den 1950er-Jahren im Palladium die Bewegungssprache, aus der später der New Yorker Mambo-Stil formalisiert wurde — improvisiert, nicht unterrichtet.
Wirkungszeit
1947–1966
Ort
Palladium Ballroom, Manhattan
Bedeutung
Die Quelle, aus der On2 formalisiert wurde
Wer hier fehlt
Diese Auswahl ist unvollständig und schief — wie jeder Kanon. Auffällig: Unter den Bandleadern und Instrumentalisten stehen fast ausschliesslich Männer. Das bildet die historische Praxis ab, nicht ihre Berechtigung. Sängerinnen wie Celia Cruz, La Lupe, La India oder Yolanda Rivera waren prägend; Instrumentalistinnen und Bandleaderinnen wurden vom Betrieb systematisch weniger gefördert und weniger dokumentiert.