Salsa Compass

SAAL III

Tanzstile

Sechs Stile, zwei Unterscheidungs­achsen und ein Grundschritt, der überall derselbe ist: schnell — schnell — langsam.

Plakatgrafik eines tanzenden Paares zwischen rhythmischen Bewegungslinien

Die Grundlage

Struktur ist nicht Timing

Das ist der häufigste Denkfehler beim Thema Salsa-Stile — und er macht jede Diskussion unklar. Es sind zwei völlig unabhängige Achsen. Ein Stil hat immer beides.

Achse 1 — Struktur

Linie oder Kreis

Wie bewegt sich das Paar über die Tanzfläche? Entweder auf einer gedachten Schiene vor und zurück (linear, «im Slot»), oder umeinander herum (kreisförmig, rotierend).

Zwei Grundrisse: links tanzt das Paar auf einer geraden Bahn hin und her, rechts umkreisen sich beide Partner. Linear / Slot LA · New York Kreisförmig Casino · Cali

Schwarz: führende Person. Grün: folgende Person.

Achse 2 — Timing

Auf welchen Schlag?

Der Achter-Takt hat immer dieselbe Form: drei Gewichts­wechsel, eine Pause, drei Gewichts­wechsel, eine Pause. Die Frage ist nur, wo in diesem Achter der Bruchschritt liegt — der Schritt, bei dem die Richtung wechselt.

On1 — Bruch auf der Eins

1234 5678

On2 — Bruch auf der Zwei

1234 5678

Die gestrichelten Felder 4 und 8 sind Pausen — es wird kein Gewicht gewechselt. Genau daher kommt das «schnell, schnell, langsam».

Der Punkt

Ein Stil ist immer eine Kombination aus beidem. LA-Style = linear + On1. New York = linear + On2. Casino = kreisförmig, heute meist On1 getanzt. «On2 ist der fortgeschrittene Stil» ist deshalb Unsinn: On2 ist ein anderer Bezugspunkt, keine höhere Stufe.

Das gemeinsame Fundament

Der Grundschritt

Über alle Stile hinweg gilt dieselbe Mechanik: In einem Achter-Takt finden sechs Gewichts­wechsel statt, verteilt auf drei Positionen — vorne, Mitte, hinten. Auf zwei Zählzeiten wird das Gewicht gehalten.

Das Diagramm rechts zeigt den Grundschritt der führenden Person im LA-Style On1. Der Bruchschritt ist die Eins: Dort geht der linke Fuss nach vorne und die Bewegungsrichtung kehrt sich um. Auf der Fünf passiert dasselbe rückwärts.

Die folgende Person tanzt spiegelbildlich: Wo die Führung vorgeht, geht sie zurück.

Wichtig zur Fussfolge

Welcher Fuss auf welche Zählzeit gehört, ist zwischen den Lehrtraditionen — besonders im On2 — nicht einheitlich. Der New Yorker On2 nach Eddie Torres und der ältere Palladium- beziehungsweise Son-On2 unterscheiden sich darin, in welche Richtung auf der Zwei gebrochen wird. Verlässlich ist die Aussage über die Zählzeit des Bruchschritts, nicht über den Fuss.

LA-Style On1, Führung

Grundriss mit vier Fussabdrücken: linker Fuss vorne auf Zählzeit 1, rechter Fuss in der Mitte auf 2 und 7, linker Fuss in der Mitte auf 3 und 6, rechter Fuss hinten auf 5. VORNE HINTEN 1 2·7 3·6 5 links rechts
1234 5678

Rot = Bruchschritt vorwärts · Grün = Bruchschritt rückwärts · Schwarz = Gewichts­wechsel in der Mitte.

Die Sammlung

Sechs Stile

Cuban Style / Casino

Kreisförmig · meist On1 · Kuba

Der Ursprungsstil. Die Paare umkreisen einander, statt auf einer Linie zu tanzen — daher wirkt Casino kompakter und geselliger als die linearen Stile. Der Name kommt von den kubanischen Tanzsälen der 1950er-Jahre, den Casinos Deportivos.

Charakteristisch ist die Körperbewegung aus der afrokubanischen Tradition: viel Hüfte, Schulterspiel, gelegentlich das freie Ausbrechen ins despelote. Getanzt wird nicht nur zu Salsa, sondern ebenso zu Son, Mambo und moderner timba.

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Timing
heute überwiegend On1; historisch auch contratiempo und On3
Merkmal
Rotation, Körperisolationen, verspielt
Musik
Son, Casino, Timba

Rueda de Casino

Kreisformation · Kuba, 1950er

Casino im Kreis: Mehrere Paare stehen in einer Runde, eine Person ruft (el cantante) die Figuren, alle führen sie gleichzeitig aus — und beim Ruf «Dame» wechseln alle die Partnerin oder den Partner. Halb Tanz, halb Gemeinschaftsspiel.

Kernvokabular: guapea (Grundschritt), dile que no (die Rückkehrfigur, mit der man jede andere abschliesst), enchufla («einstöpseln»), sombrero, setenta («70»), vacílala, exhíbela, coca-cola, adiós.

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Prinzip
Ansagen statt Führen im klassischen Sinn
Rekord
1585 Menschen, Caracas, 27. November 2022 — knapp 12 Minuten am Stück
Vorher
1102 Menschen, Thessaloniki, 1. Juni 2014

LA-Style — Salsa On1

Linear · On1 · Los Angeles, 1990er

Der weltweit meistunterrichtete Stil und für die meisten Menschen der Einstieg. Das Paar bewegt sich auf einer Linie, der Bruchschritt liegt auf der Eins — dem Schlag, den man in der Musik am leichtesten findet. Genau das macht ihn für Anfängerinnen und Anfänger zugänglich.

Entwickelt und verbreitet von den Brüdern Vazquez, die Elemente aus Stepptanz und Bühnenshow einbrachten: schnelle Mehrfachdrehungen, Dips, Hebefiguren. Der Stil ist auf Sichtbarkeit hin gebaut — er funktioniert auf einer Bühne so gut wie auf der Tanzfläche.

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Timing
Bruch auf 1 und 5
Merkmal
schnell, showorientiert, viele Drehungen
Herkunft
Los Angeles

New York Style — Salsa On2

Linear · On2 · New York

Auch «Mambo» genannt. Der Bruchschritt liegt auf der Zwei — und das ist kein Zufall: Dort sitzt der Schlag der Conga im tumbao. Der Tanz klebt dadurch enger an der Perkussion als an der Melodie, was ihm seinen ruhigen, gezogenen Charakter gibt.

Codifiziert von Eddie Torres, der ab den 1970er-Jahren als Erster ein systematisches Lehrprogramm dafür schrieb. Typisch: viel Aufmerksamkeit für Körper­isolationen, elegante Armführung und ausgedehnte shines — Soloteile, in denen sich das Paar löst.

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Timing
Bruch auf 2 und 6
Merkmal
fliessend, musikalisch, Betonung der Shines
Bezug
der Congaschlag auf der Zwei

Cali-Style — Salsa caleña

Kreisförmig · Kolumbien

Der schnellste Stil der Welt. In Cali wird kaum Raum überwunden — stattdessen passiert alles in den Füssen: winzige, extrem rasche Schritte, Fersen- und Ballenwechsel in einem Tempo, das im Video oft nach doppelter Geschwindigkeit aussieht. Der Oberkörper bleibt vergleichsweise ruhig.

Der Stil wurzelt in Pachanga- und Boogaloo-Einflüssen der 1960er-Jahre und ist stark auf Show und Wettbewerb ausgerichtet, mit akrobatischen Figuren und Hebungen. Cali nennt sich «Welthauptstadt der Salsa» — und hat, was die Dichte an Tanzschulen angeht, gute Argumente dafür.

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Merkmal
höchste Schrittfrequenz, wenig Raumweg
Herkunft
Cali, Kolumbien
Kontext
Wettbewerbs- und Showtanz

Puerto-ricanischer Stil

Linear · On1, On2 oder On3

Am schwersten zu definieren, weil er weniger über ein festes Timing als über eine Haltung bestimmt ist: Phrasierung, Raum für die folgende Person, Wertschätzung des Fussspiels. Getanzt wird auf verschiedenen Zählzeiten; häufig wird er als «On2 contratiempo» beschrieben — also gegen den Grundschlag.

Charakteristisch ist, dass die folgende Person deutlich mehr eigenen Raum bekommt als in stärker choreografierten Stilen. Der Tanz ist ein Gespräch, keine Vorführung.

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Timing
uneinheitlich — On1, On2, On3
Merkmal
Fussarbeit, Phrasierung, Freiraum
Verwandt
Miami-Style Casino als eigene Abwandlung

Auf einen Blick

Vergleich

Sechs Stile nach Struktur, Timing und Charakter
StilStrukturBruchschrittCharakterHerkunft
Casinokreisförmigmeist 1gesellig, viel KörperKuba
Rueda de CasinoKreisformationmeist 1Ansagen, PartnerwechselKuba
LA-Stylelinear1schnell, showhaftLos Angeles
New Yorklinear2fliessend, perkussionsnahNew York
Calikreisförmigvariabelrasende FussarbeitKolumbien
Puerto Ricolinear1, 2 oder 3Phrasierung, FreiraumPuerto Rico

Im Nebenraum

Verwandte Tänze

Auf Kongressen und in Tanzschulen wird Salsa fast nie allein unterrichtet. Diese Tänze gehören zum selben Umfeld:

Cha-cha-chá

Kubanisch, Anfang der 1950er-Jahre von Enrique Jorrín geschaffen. Langsamer als Salsa, mit dem charakteristischen Dreierschritt auf «cha-cha-chá».

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Son

Der Vorfahre. Deutlich langsamer, aufrecht, mit ausgeprägtem Gegen-Timing — der Ursprung dessen, was heute contratiempo oder On2 heisst.

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Pachanga

Kubanisch, in New York in den 1960er-Jahren populär. Federnd, mit einer typischen Auf-und-ab-Bewegung; heute vor allem als Schrittvokabular innerhalb der Salsa erhalten.

Hörtipp: «La Pachanga Se Baila Así» von Charlie Palmieri. Die Charanga-Besetzung bringt die gewünschten Violinen und den typischen Holzbläserklang; dabei handelt es sich um eine Flöte, nicht um eine Klarinette. Auf Spotify suchen · Auf Apple Music suchen

Boogaloo

New York, 1960er-Jahre: Latin-Soul, die kurze Verschmelzung von afrokubanischer Rhythmik mit afroamerikanischem Rhythm and Blues.

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Bachata

Dominikanisch. Gitarren, Bongó und Güira gliedern den Vierertakt; der Hüftakzent und ein Tap sitzen auf der Vier. Ursprünglich ländliche Gitarrenmusik, heute weltweit die zweite Säule jeder Salsaparty.

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Merengue

Dominikanisch. Schneller Zweiertakt, treibende Tambora und das gleichmässige Schaben der Güira tragen den einfachen Marschschritt — und den explosiven Party-Charakter.

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