Salsa Compass

SAAL V

Kultur & Glossar

Wie aus einer New Yorker Szene ein weltweiter Kreislauf wurde — und welche Fragen dabei offen geblieben sind. Mit einem Nachschlagewerk der Fachbegriffe.

Plakatgrafik einer vernetzten Weltkugel mit Havanna, New York und Cali

Die Infrastruktur

Die Kongresse

Bis in die 1990er-Jahre war Salsa eine Sache lokaler Szenen: Man lernte in seiner Stadt, tanzte in seinem Club, kannte seine Leute. Was daraus ein weltweites Netzwerk machte, war ein Veranstaltungsformat.

1997 organisierte der puerto-ricanische Journalist Eli Irizarry den ersten Salsa-Kongress der Welt. 375 Menschen aus 19 Ländern kamen. Zwei Jahre später waren es 800 aus 34 Ländern und rund 56 Tanzcompagnien.

Das Prinzip ist bis heute dasselbe: mehrere Tage, tagsüber Workshops bei Lehrenden aus verschiedenen Ländern, abends Shows der Compagnien, nachts durchgehend Social Dancing — meist bis in den frühen Morgen.

Ab 1999 tourte ein gesponserter «Congreso Mundial de la Salsa» um die Welt: New York, Los Angeles, Chicago, Miami, Tokio, Valencia, Rom, Berlin, Frankfurt, München, London, Amsterdam, Sydney. Der Veranstalter Albert Torres brachte das Format in die USA und schuf 2005 zusätzlich Weltmeisterschaften, die sogar im Sportfernsehen übertragen wurden.

Heute finden jährlich weit über hundert Kongresse und Festivals auf allen Kontinenten statt. Für viele Tanzende ist das die eigentliche Form, in der sie Salsa erleben: nicht als Musikgeschichte, sondern als wiederkehrende Reise in andere Städte.

Was auf einem Kongress passiert

Ein typischer Ablauf

Workshops

Parallele Kurse nach Niveau und Stil — On1, On2, Casino, Shines, Bodymovement, oft auch Bachata und Kizomba.

Shows

Choreografierte Auftritte der Tanzcompagnien. Hier zeigt sich, wie stark der Wettbewerbs­charakter den Tanz geprägt hat.

Social Dancing

Der Kern der Sache: freies Tanzen mit wechselnden Partnerinnen und Partnern, oft von Mitternacht bis fünf Uhr morgens.

Live-Band

Nicht überall selbstverständlich — viele Kongresse laufen ausschliesslich mit DJ. Ein Live-Orchester gilt als Qualitätsmerkmal.

Salsa in Europa

Die europäische Kongress-Szene wuchs ab etwa 2002 stark — ausgehend von frühen Veranstaltungen in Grossbritannien, Spanien, Italien und der Schweiz — bis heute in fast allen grösseren Städten Europas. Wer nach konkreten Terminen in seiner Region sucht, findet sie am zuverlässigsten über lokale Tanzschulen; dieses Museum führt bewusst keine Veranstaltungsliste, die schnell veraltet.

Streitfragen

Vier offene Debatten

Ein Museum, das nur Erfolgsgeschichten erzählt, ist eine Werbebroschüre. Diese vier Fragen sind nicht entschieden — und sollten es auch nicht sein.

Ist Salsa überhaupt ein Genre?

Die Etikettenfrage

Streng musikwissenschaftlich betrachtet ist «Salsa» kein Stil, sondern ein Sammelbegriff, unter dem bereits bestehende kubanische und puerto-ricanische Formen vermarktet wurden — Son, Guaracha, Guaguancó, Mambo, Cha-Cha-Chá, Bomba, Plena, zeitweise sogar Merengue.

Viele kubanische Musiker haben den Begriff deshalb zeitlebens abgelehnt: Was man Salsa nenne, sei schlicht kubanische Musik unter neuem Namen. José Luis Cortés von NG La Banda gehört zu den prominenten Kritikern.

Dagegen spricht: Nach sechzig Jahren hat der Begriff eine eigene Praxis geschaffen — Arrangements, Besetzungen, eine Tanzsprache, ein weltweites Publikum. Ein Etikett, das lange genug klebt, wird zur Sache selbst.

Wer hat das Wort geprägt?

Pacheco oder Sanabria

Meist wird Johnny Pacheco genannt; entsprechende Ansprüche wurden auch markenrechtlich geltend gemacht. Doch Izzy Sanabria — Moderator der Fania-Konzerte, Grafiker der Plattenhüllen und Herausgeber des Magazins Latin NY, der sich selbst «Mr. Salsa» nannte — beanspruchte ebenfalls, den Begriff popularisiert zu haben.

Wahrscheinlich ist beides zu einfach. Das Wort kursierte in den 1960er-Jahren bereits als Zuruf und als Titel einzelner Stücke; es wurde nicht erfunden, sondern aufgegriffen und systematisch als Marke eingesetzt.

Stand: ungeklärt und vermutlich unklärbar.

Salsa dura gegen Salsa romántica

Der Generationenstreit

Für viele Anhänger der Fania-Jahre ist die ab 1982 dominierende salsa romántica ein Ausverkauf: weichgespülte Liebestexte, austauschbare Arrangements, Sänger im Vordergrund statt Bands.

Dagegen spricht: Die romántica erschloss der Salsa ein Massenpublikum und hielt sie kommerziell am Leben, als die harte Variante die Radiostationen verlor. Und der Vorwurf, populäre Musik sei zu gefällig geworden, ist so alt wie populäre Musik.

Auf Tanzflächen läuft heute beides — die Debatte wird eher zwischen Sammlern und DJs geführt als zwischen Tanzenden.

Wem gehört die Salsa?

Die Aneignungsfrage

Salsa wird heute in Tokio, Helsinki und Zürich professionell unterrichtet — oft von Menschen ohne jeden Bezug zur Karibik, oft losgelöst von der Musikgeschichte, aus der die Bewegungen stammen. Ein Grossteil der Wertschöpfung findet weit entfernt von den Orten statt, an denen der Tanz entstand.

Kritisiert wird vor allem die Entkoppelung: Wenn Figuren gelernt werden, ohne dass jemand weiss, was ein Montuno ist oder woher die Rueda-Kommandos kommen, wird eine Kultur zur Technik.

Dagegen spricht: Kulturen wandern, seit es sie gibt — die Salsa selbst ist das beste Beispiel dafür. Die brauchbarere Frage ist nicht, wer tanzen darf, sondern wer davon lebt und wer genannt wird.

Nachschlagewerk

Glossar

Die spanischen Fachbegriffe bleiben in der Salsa auch im deutschsprachigen Unterricht unübersetzt — deshalb stehen sie hier im Original, mit deutscher Erklärung.

Claveklá-we

«Schlüssel». Zwei Hartholzstäbe — und das fünfschlägige Rhythmusmuster über zwei Takte, an dem sich in der Salsa alles ausrichtet.

Son clave

Die gefälligere der beiden Grundformen: Der dritte Schlag der Dreier-Seite liegt auf der Vier. Der Normalfall in der Salsa.

Rumba clave

Die kantigere Variante: Derselbe Schlag rutscht eine Achtel nach hinten, auf das «Und» der Vier. Kommt aus der afrokubanischen Rumba.

3-2 / 2-3

Die Ausrichtung der Clave: welcher der beiden Takte zuerst erklingt — der mit drei Schlägen oder der mit zweien. Bestimmt wird das von der Melodie.

Cruzado

«Gekreuzt». Ein Arrangement, in dem eine Stimme gegen die Clave läuft — der schwerste Vorwurf, den man einem Arrangeur machen kann.

Tumbao

Doppelt belegt: das Grundmuster der Conga und die vorgezogene Basslinie, die das «Und» der Zwei und die Vier trifft und die Eins auslässt.

Marcha

Anderes Wort für das Grundmuster der Conga — «der Marsch», das, was durchläuft.

Montuno

Zweifach: der Wechselgesangs­teil eines Stücks — und die zweitaktige, synkopierte Klavierfigur, die ihn trägt.

Guajeogua-ché-o

Fachbegriff für die sich wiederholende, an der Clave ausgerichtete Ostinato-Figur — am Tres, am Klavier oder in den Bläsern.

Martillo

«Hämmerchen». Das durchlaufende Achtelmuster des Bongospielers in den Strophen.

Campana

Die grosse Handglocke des Bongospielers. Ihr Einsatz markiert den Übergang in den Chorteil.

Cáscara

«Schale». Das Muster, das der Timbalero auf dem Kesselrand spielt, wenn es leise bleiben soll.

Abanico

«Fächer». Ein Wirbel auf den Timbales, der einen Abschnittswechsel ankündigt — die Vorwarnung für Band und Tanzfläche.

Güirogüí-ro

Gekerbter Kürbis, über den ein Stäbchen gezogen wird.

Tumbadora

Kubanischer Name der Conga.

Tres

Kubanische Gitarre mit drei doppelt bezogenen Saitenpaaren; das melodisch-rhythmische Zentrum des traditionellen Son.

Contratiempo

«Gegen den Takt». Sammelbegriff für Timings, die nicht auf dem Hauptschlag liegen — im Tanz vor allem für On2 gebräuchlich.

Canto / Largo

Der erste, durchkomponierte Gesangsteil eines Stücks, bevor der Wechselgesang beginnt.

Coro

Der feste Chor — meist ein bis zwei Zeilen, die im Montuno unverändert wiederkehren.

Pregón

Der Ruf des Vorsängers, auf den der Coro antwortet. Ursprünglich der Ruf eines Strassenhändlers.

Sonero

Der Vorsänger, der im Montuno improvisiert. Ein guter Sonero antwortet auf das, was gerade im Raum passiert.

Soneo

Die einzelne improvisierte Zeile des Soneros.

Moñamó-nja

Arrangierte Bläser-Riffs, die sich im Chorteil übereinanderschichten.

Mambo (Teil)

Nicht nur ein Genre, sondern auch der Name des arrangierten Instrumentalteils innerhalb eines Salsa-Stücks.

Descarga

«Entladung». Eine Jam-Session — freie Soli über einem laufenden Muster, das Herzstück vieler Live-Aufnahmen.

Conjunto

Die von Arsenio Rodríguez geschaffene Besetzung: Klavier, Bass, Conga, Bongó, mehrere Trompeten, Gesang.

Charanga

Die ältere Besetzung mit Querflöte, Geigen, Güiro und Timbales — die Formation des Danzón und des Cha-cha-chá.

Coro-pregón

Das Wechselgesangsprinzip: Ruf des Vorsängers, Antwort des Chors. Afrikanischen Ursprungs.

On1 / On2 / On3

Auf welche Zählzeit der Bruchschritt fällt. Keine Schwierigkeitsstufen, sondern verschiedene Bezugspunkte im Takt.

Bruchschritt / break

Der Schritt, bei dem die Bewegungsrichtung umkehrt. Sein Platz im Achter definiert das Timing eines Stils.

Slot

Die gedachte Schiene, auf der sich das Paar in den linearen Stilen bewegt.

Shines

Passagen, in denen sich das Paar löst und beide für sich tanzen. Im New Yorker Stil besonders ausgeprägt.

Cross-body lead

Die Grundfigur der linearen Stile: Die führende Person öffnet den Weg und lässt die folgende an sich vorbei auf die andere Seite des Slots wechseln.

Bodymovement

Die Bewegung von Rumpf, Schultern und Hüften unabhängig von den Füssen — aus der afrokubanischen Tradition, im Casino zentral.

Despelote

«Durcheinander». Freies, gelöstes Tanzen ohne feste Figuren; in Kuba eng mit der Timba verbunden.

Social Dancing

Freies Tanzen mit wechselnden Partnerinnen und Partnern — im Unterschied zu Choreografie und Wettbewerb.

Rueda de Casino

Kreis mehrerer Paare, die auf Zuruf gleichzeitig dieselben Figuren tanzen. Kuba, 1950er-Jahre.

Cantante

Die Person, die in der Rueda die Figuren ansagt.

Guapea

Der Grundschritt der Rueda, aus dem heraus alle Figuren beginnen.

Dile que no

«Sag ihr nein». Die Rückkehrfigur, mit der praktisch jede andere Figur abgeschlossen wird — der Reset der Rueda.

Dile que sí

«Sag ihr ja». Die Gegenfigur, seltener gebraucht.

Enchufla

«Einstöpseln». Die wohl häufigste Figur überhaupt: Die folgende Person wird unter dem Arm hindurch auf die andere Seite geführt.

Dame

«Gib mir». Das Kommando zum Partnerwechsel — der Grund, warum die Rueda ein Kreis ist.

Setenta

«Siebzig». Eine der bekanntesten Figuren, benannt nach der Form, die die verschränkten Arme dabei bilden.

Sombrero

«Hut». Figur, bei der die Arme über den Kopf der Partnerin oder des Partners geführt werden.

Vacílala

«Lass sie glänzen». Die folgende Person dreht sich frei und zeigt ihr eigenes Spiel.

Exhíbela

«Zeig sie her». Ähnlich wie Vacílala — die folgende Person wird präsentiert.

Adiós

«Auf Wiedersehen». Kommando für einen Wechsel, oft mit gegenläufiger Bewegung im Kreis.

Coca-Cola

Eine der vielen Figuren mit Alltagsnamen — die Rueda-Sprache ist voll davon und regional unterschiedlich.

Balsero

«Flossfahrer». Benannt nach den Menschen, die Kuba auf selbstgebauten Flossen verliessen — ein Beispiel dafür, wie Zeitgeschichte in die Figurennamen eingeht.

Son cubano

Das wichtigste Ursprungsgenre der Salsa, entstanden ab etwa 1880 in Ostkuba.

Son montuno

Die von Arsenio Rodríguez entwickelte Variante mit ausgedehntem Wechselgesangs­teil.

Danzón

Der elegante kubanische Gesellschaftstanz des 19. Jahrhunderts, aus dem der Mambo hervorging.

Guaguancógua-guan-kó

Die bekannteste der drei Rumba-Formen; ein Werbespiel zwischen Mann und Frau in Tanzform.

Guaracha

Schnelles, oft witziges oder satirisches kubanisches Liedgenre; ein wichtiger Bestandteil des Salsa-Repertoires.

Bomba

Afro-puerto-ricanische Tradition: ein Dialog zwischen Trommler und tanzender Person, bei dem die Trommel den Bewegungen folgt — nicht umgekehrt.

Plena

Erzählendes puerto-ricanisches Genre aus Ponce, die «gesungene Zeitung» — sie berichtete, was im Ort geschehen war.

Salsa dura

«Harte Salsa». Der kantige, bläserlastige Klang der Fania-Jahre.

Salsa romántica

Ab 1982: Pop-Balladen in Salsa-Arrangements, sängerzentriert und kommerziell überaus erfolgreich.

Salsa consciente

«Bewusste Salsa». Politisch und gesellschaftskritisch getextete Salsa, begründet von Rubén Blades.

Songo

Von Juan Formell und «Changuito» bei Los Van Van entwickelter kubanischer Rhythmus, der Elemente aus Funk und Rock aufnimmt.

Timba

Die kubanische Weiterentwicklung ab Ende der 1980er-Jahre: dichter, härter, funknäher als Salsa. Begriff geprägt von José Luis Cortés.

Boogaloo

New York, 1960er-Jahre: die kurzlebige Verschmelzung afrokubanischer Rhythmik mit afroamerikanischem Rhythm and Blues.

Pachanga

Kubanisches Genre, in New York um 1960 sehr populär; im Tanz durch eine federnde Auf-und-ab-Bewegung erkennbar.

Salsa choke

Kolumbianisch, ab etwa 2010: Salsa mit Reggaetón-Elementen, oft solo oder in Gruppen getanzt. Eng mit Cali verbunden.

¡Azúcar!a-sú-kar

«Zucker!» Celia Cruz' Ausruf und das bekannteste einzelne Wort der Salsa. Sie verband damit auch die Erinnerung an die Zuckerrohrfelder und die Sklaverei in Kuba.

Sabor

«Geschmack». Das, was eine technisch korrekte Darbietung von einer guten unterscheidet — und was sich nicht unterrichten lässt.

Saoco

Verwandt mit Sabor: die richtige Würze, der Biss. Ein Kompliment für Musiker wie für Tanzende.